Im Rahmen eines Forschungsprojektes zum Freizeit- und Fremdenverkehr im Naturpark und Biosphärenreservat Pfälzer Wald (vgl. LUKHAUP/SCHULTZE-RHONHOF 1994) erfolgte im Frühjahr und Sommer 1993 eine Befragung von Tagestouristen auf den wichtigsten Wanderparkplätzen im Naturpark Pfälzer Wald. Im Anschluß an das etwa 5 bis 10 minütige Interview, waren die Probanden aufgefordert, den Umriß des Pfälzer Waldes in eine "stumme Karte" (vgl. Abb. 1a) einzuzeichnen. Die Auswertung der Befragung erfolgte mittels eines Geographischen Informationssystems (GIS), dessen Aufbau sowie die gewählten Analysemethoden im folgenden dargestellt werden sollen.
Abb.1

Das Interesse für Mental Maps oder "kognitive Karten" wurde wie viele neuere methodische Ansätze aus der angloamerikanischen Geographie nach Deutschland übernommen. Mit dem Aufkommen des sozialgeographischen Ansatzes erweiterte die Geographie ihr Mensch-Umwelt-System über die Beobachtung der "realen" Umwelt hinaus um eine durch das Individuum perzipierte und interpretierte, d. h. subjektive Ebene (HARD 1988, S. 14), da die alleinige Untersuchung der konkreten räumlichen Situation keine hinreichende Erklärung für räumliche Verhaltensweisen liefert. Nicht zuletzt die Vertreter der "Münchener Schule" der Sozialgeographie (vgl. MAIER et al. 1977; FLIEDNER 1993) sahen in der Beschäftigung mit diesen "inneren Modelle[n] der Außenwelt" (HARD 1988, S. 14) eine Möglichkeit einen Erklä rungsansatz für individuelle, raumwirksame Handlungsentscheidungen zu finden.
Roger M. DOWNS und David STEA - Geograph und Psychologe - definieren den Vorgang des kognitiven Kartierens als "a process composed of a series of psychological transformations by which an individual acquires, codes, stores, recalls and decodes information about the relative locations and attributes of phenomena in his everyday spatial environment" (DOWNS/STEA 1973, S. 9). Das Produkt dieses Vorgangs - die eigentliche Mental Map - definieren sie darauf aufbauend als "a person´s organized representation of some part of the spatial environment" (DOWNS/STEA 1977, S. 5). Da sowohl räumliche Gegebenheiten als auch kognitiv-neuronale Vorgänge eine Rolle spielen, ist die Interpretation von Mental Maps im Grenzbereich zwischen Geographie und Psychologie anzusiedeln.
Als Hilfsmittel zur Bewertung und Einordnung von Mental Maps eignet sich das quot;sozialgeo-graphische Raumsystem" (MAIER et al. 1977, S. 26). Ausgangsebene dieses Schemas ist die Gesamtheit der verfügbaren Informationen über einen Raum, deren individuelle Wahrneh mung und Selektion zu einer subjektiven Bewertung des Raumes führt. Auf der Basis dieser Wahrnehmungen und Bewertungen werden Entscheidungen hinsichtlich der durchzuführen den Aktivitäten getroffen, die sich in räumlichen Strukturmustern bzw. Prozessen niederschlagen. Zu beachten ist dabei, daß sich die verschiedenen Ebenen in einem Rückkoppelungsprozeß befinden, die sowohl die Ausgangsinformationen als auch die Wahrnehmung und Bewertung beeinflussen. Mental Maps stellen in diesem System eine Zwischenstufe dar, die die Vorstellung eines Individuums hinsichtlich eines (Teil-) Raumes widerspiegelt. Im Idealfall reflektiert die Mental Map also die tatsächlich wahrgenommenen d. h. subjektiv "gefilterten" Informationen über einen Raum und offenbart somit diejenigen Informationen, auf deren Basis zukünftige Entscheidungen getroffen werden. Andererseits ist die "Qualität" einer vor Ort festgehaltenen Mental Map in sehr starkem Maße von der jeweiligen Befragungssituation abhängig. Die kognitive Karte entsteht "als eine Improvisation, die ganz auf bestimmte Handlungsziele und Handlungssituationen zugeschnitten ist. (...) Ob (und wo) die so erhobenen Mental Maps auch außerhalb der Befragungssituation handlungsbedeutsam sind, bleibt ungewiß" (HARD 1988, S. 15).
Zu den grundlegenden Eigenschaften von kognitiven Karten zählt die Tatsache, daß sie "nicht mit ´der Wirklichkeit´ übereinstimmen, sondern auf unterschiedliche Weise ungenau, lückenhaft und verzerrt ... sind" (HARD 1988, S. 15). Generell ist zwischen Fehlern, die etwa auf mangelnder Kenntnis des darzustellenden Raumes basieren und Verzerrungen, die in einer gewissen Regelhaftigkeit bei einigen bzw. einer bestimmten Gruppe von Probanden auftreten, zu unterscheiden. In ihrer Studie zu systematischen Verzerrungen in kognitiven Karten nennen LLOYD und HEIVLY (1987, S. 191) fünf Gruppen von Fehlerquellen, die die individuelle Ausprägung von Mental Maps beeinflußen können:
Von Interesse ist dabei auch die Frage, ob die Mental Map eines Probanden eher von eigener Anschauung des betreffenden Raumes oder eher durch vorgegebene Darstellungen (z. B. topographische Karten, Werbebroschüren, Filme usw.) geprägt ist.
Bezogen auf Tagestouristen können Mental Maps - in Kombination mit qualitativen Befragungen - Informationen über das Image eines Fremdenverkehrsraumes transportieren:
Ausgangspunkt der vorliegenden Untersuchung war die Frage, welches räumliche Vorstellungsbild den Ausflügen der Tagestouristen im Naturpark Pfälzer Wald zugrunde liegt. Als ein Aspekt dieses Vorstellungsbildes wurde das Problem der "Umgrenzung" bzw. Lage des Pfälzer Waldes herausgegriffen, um in einer empirischen Erhebung eventuelle systematische Verzerrungen (vgl. LLOYD/ HEIVLY 1987) bzw. Unsicherheiten zu ermitteln. Dabei wurden drei Grundhypothesen formuliert:
3.1. Durchführung der Befragung
Nach einem Pre-Test fand die Befragung im Mai und Juni 1993 auf den wichtigsten Wanderparkplätzen im Naturpark Pfälzer Wald statt. Die Probanden waren aufgefordert im Anschluß an eine etwa 5 bis 10minütige Befragung den Umriß des Naturparks Pfälzer Wald in eine "stumme Karte" (vgl. Abb. 1a) einzuzeichnen. Zusätzlich zu dieser Zeichnung wurde auf dem Befragungsbogen, das benutzte Verkehrsmittel und der Herkunftsort (Postleitzahl) festgehalten. Nach Abschluß der Befragung konnten insgesamt 274 Skizzen in die Untersuchung ein bezogen werden.
Im Pre-Test wurde die Vermutung bestätigt, daß sich die Unsicherheit der Probanden vor allem auf die westliche und nördliche Begrenzung des Naturparks Pfälzer Wald bezieht,
während die östliche und südliche Begrenzung - Deutsche Weinstraße und Deutsch-Französische Grenze - eindeutig benannt werden konnten. Die "potentielle Zeichenfläche" wurde daher nach Westen und Norden erweitert. Als Orientierungshilfen wurden Autobahnen, Städte, die Deutsche Weinstraße, Rhein und Mosel sowie die Deutsch-Französische Grenze in der "stummen Karte" eingetragen. Eine gewisse Raumkenntnis vorausgesetzt, hätten diese Informationen zu einer Annäherungslösung in Form eines Polygons entlang der Weinstraße im Osten, der Grenze im Süden, der A 62 im Westen und der A 6 im Norden bzw. als verbindende Linie zwischen den Städten Bad Dürkheim - Neustadt - Bad Bergzabern - Pirmasens - Landstuhl - Kaiserslautern - Eisenberg führen können (vgl. Abb. 1b).
3.2 GIS-gestützte Auswertung der Befragung
Nach Rücklauf und Überprüfung der Fragebögen, wurden die Skizzen der Probanden
nummeriert und einzeln als Polygone digitalisiert. Jedem Polygon wurde dabei die
Fragebogennummer sowie die Postleitzahl des Probanden zugeordnet. Somit ist sowohl eine
räumliche Zuordnung (Postleitzahl) als auch eine Verknüpfung der Skizze mit den
qualitativen Befragungsdaten (z. B. benutztes Verkehrsmittel, Aktivitäten vor Ort, usw.)
über eine relationale Datenbank gegeben. Die digitalisierten Skizzen konnten nun nach
beliebigen Gesichtspunkten ausgewählt, d. h. für verschiedene Gruppen von Probanden (z.
B. unterschiedliche Herkunftsgebiete) getrennt visualisiert und analysiert sowie mit der
Grundgesamtheit verglichen werden (vgl. Abb. 3 und Abb. 5 + Abb. 6). Die weitergehenden
Analysemöglichkeiten des GIS konnten darüber hinaus bei der quantitativen Analyse der
Befragungsskizzen eingesetzt werden (vgl. Abb. 4).
4.1 Herkunft und Verkehrsmittelwahl
Etwa die Hälfte (48,9%) der 274 Befragten stammen aus dem ehemaligen Postleitzahlenbe reich 6700 bis 6799, der in etwa mit der Pfalz gleichgesetzt werden. Ein weiteres Viertel der Probanden (24,4%) ist dem Postleitzahlenbereich 68, also grob dem rechtsrheinischen Teil des Rhein-Neckar-Raumes zuzuordnen. Während 12,4% der Befragten aus dem Saarland (PLZ-Bereich 66) anreisten, entfielen 8,0% auf das restliche Baden-Württemberg (ohne den rechtsrheinischen Teil des Rhein-Neckar-Raumes) und Bayern, 2,2% auf Rheinhessen und das Rhein-Main-Gebiet (Postleitzahlen 6000-6599) sowie 4,0% auf das restliche Deutschland.
Bei der Wahl der Verkehrsmittel dominierte der motorisierte Individualverkehr mit 83,4%. Diese Quote deckt sich im wesentlichen mit den Ergebnissen früherer Untersuchungen zur Verkehrsmittelwahl von Tagestouristen in der Pfalz (vgl. u. a. JENTSCH 1988). Der geringe Anteil der befragten Fahrradfahrer (7 = 2,6%) und ÖPNV-Nutzer (15 = 5,3%) verhinderten eine aussagekräftige Analyse der Mental Maps hinsichtlich der Verkehrsmittelwahl.
Abb.2

Abb. 2 zeigt die Grundgesamtheit der 274 digitalisierten Skizzen. Entlang der tatsächli chen Grenzen des Naturparks Pfälzer Wald ist eine deutliche Konzentration der Linien zu erkennen, wobei die östliche und südliche Begrenzung deutlich hervortreten. Die geringste Streuung zeigt sich für den südlichen Bereich, entlang der Deutsch-Französischen Grenze. Bei der östlichen Begrenzung, die grob mit dem Verlauf der Deutschen Weinstraße nachgezeichnet werden kann, nehmen die Abweichungen nach Süden hin zu. Interessanterweise "teilen" sich die Linien im Bereich zwischen Landau und Bad Bergzabern in zwei etwa gleich starke Bündel, wobei ein deutliches Abweichen nach Südosten in Richtung Karlsruhe zu erkennen ist. Die Abweichungen nehmen im westlichen Bereich des Untersuchungsgebietes stark zu, einzelne Skizzen beziehen Teile des Saarlandes mit in das darzustellende Gebiet ein. Die größte Unsicherheit besteht unter den Probanden hinsichtlich der nördlichen Begrenzung des Naturparks Pfälzer Wald, große Teile des Nordpfälzer Berglandes werden mit eingeschlossen, wobei die auf den stummen Karten vorgegebene A 61 im Osten als "Stützlinie" der Skizzen dient.
Abb.3

Zur Verdeutlichung wurde das Untersuchungsgebiet mit einem Raster überzogen und der An teil derjenigen Probanden bestimmt, deren Skizze das betreffende Rasterfeld miteinschließt (vgl. Abb. 3). Es zeigt sich, daß mehr als 70 Prozent der Probanden in ihren Zeichnungen den Naturpark Pfälzer Wald gänzlich einschlossen. Die durch eine weiße Linie gekennzeichnete Grenze des Naturparks wird durch die dunkelgrauen Rasterfelder grob nachgezeichnet. Die große Zahl der hellgrauen Rasterzellen spiegelt die ungenauen räumlichen Vorstellungen eines knappen Drittels der Befragten wider, wobei die Abweichungen nach Westen und Norden wiederum deutlich sichtbar werden.
Abb.4

Interessante Aufschlüsse liefert die getrennte Analyse der Mental Maps hinsichtlich der Her kunftsgebiete der Probanden (vgl. Abb. 4a-c). Abbildung 4a zeigt die Zeichnungen der 134 Befragten aus dem Postleitzahlenbereich 67, der grob mit der Pfalz gleichgesetzt werden kann. Entlang der Umrisse des Naturparks Pfälzer Wald ist wiederum eine deutliche Konzentration der gezeichneten Linien zu erkennen. Deutliche Abweichungen zeigen sich im Norden und Westen. Im westlichen Bereich werden die Markierungen für Homburg und Zweibrücken nur von drei bzw. vier Zeichnungen überschritten, im nördlichen Bereich bilden Idar-Oberstein und Bad Kreuznach die "Eckpunkte".
Stellt man dieser Abbildung die Zeichnungen der restlichen 140 Probanden (vgl. Abb. 4b) gegenüber, so fällt die weitaus größere Streuung der Linien sofort ins Auge. Einzelne Linien reichen bis nach Saarbrücken im Westen sowie Mosel und Rhein im Norden. Die Grenze des Naturparks tritt weniger deutlich hervor als in den Zeichnungen der pfälzischen Probanden. Interessanterweise zeigt sich auch ein deutlicher Unterschied hinsichtlich der östlichen Grenze des Naturparks entlang der Deutschen Weinstraße. Während die Linien in Abb. 5a weit gehend der Weinstraße folgen, zeigt sich in Abb. 4b eine beträchtliche Streuung nach Osten.
Die geringe Zahl der Probanden aus Bayern und dem nicht zum Rhein-Neckar-Raum zählen den Teil von Baden-Württemberg (22 = 8,0%) läßt keine detaillierten Aussagen zu etwaigen systematischen Verzerrungen dieser Gruppe zu. Dennoch ist festzuhalten, daß die Zeichnungen mit den deutlichsten Abweichungen nach Osten von dieser Probandengruppe angefertigt wurde, während extreme Abweichungen nach Westen und Norden ausblieben (vgl.Abb. 4c).
4.2 Geschlecht
Die Analyse der Mental Maps läßt sich über die Verknüpfung der Zeichnungen mit den in einer Datenbank gespeicherten Befragungsergebnissen für andere Merkmale der Probanden fortsetzen. So lassen sich die Mental Maps etwa getrennt nach Altersgruppen oder Geschlechtern (vgl. Abb. 5a/b) darstellen.
Abb.5
Die relative Gleichartigkeit der beiden Abbildungen läßt hierbei nur geringen Spielraum für Interpretationen, die unterschiedliche Fähigkeiten der Raumwahrnehmung für die beiden Geschlechter unterstellen. In beiden Fällen sind die Umrisse des Naturparks durch stärkere Linienbündel hervorgehoben, ebenso finden sich die bereits erläuterten Abweichungstendenzen nach Norden und Westen.
4.3 Besuchshäufigkeit
Etwas differenziertere Wahrnehmungsmuster offenbart die Darstellung in Abb. 6, wo die Zeichnungen nach der Besuchshäufigkeit unterschieden wurden. In den Mental Maps der regelmäßigen Besucher tritt die Umgrenzung deutlicher hervor, während in den Zeichnungen der seltenen Besucher die Extremfälle mit der größten Abweichung enthalten sind. Die nahe liegende Vermutung, daß ein Zusammenhang zwischen räumlicher Nähe des Wohnortes zum Pfälzer Wald und der Besuchshäufigkeit besteht, läßt sich sowohl quantitativ als auch durch Vergleich der Skizzen belegen.
Abb.6

Die Untersuchungen haben gezeigt, daß ca. 70% der Befragten Tagestouristen eine relativ genaue Vorstellung von der räumlichen Lage des Naturparks Pfälzer Wald haben. Während im Bereich der südlichen und östlichen Begrenzung kaum Unsicherheiten bestehen, zeigen sich im Westen und Norden erhebliche Abweichungen. Die eingangs formulierte These, daß die Nähe des Wohnortes zum Untersuchungsgebiet und damit zusammenhängend die Häufig keit der Besuche im Pfälzer Wald einen Einfluß auf die "Qualität" der Mental Maps haben, konnte bestätigt werden. Die relativ genauen Kenntnisse der Begrenzung entlang der Weinstraße und der Deutsch-Französischen Grenze entsprechen dem Charakter dieser Grenzlinien im Landschaftsbild bzw. im politisch-administrativen Bewußtsein der Probanden. Die Begrenzungen im Norden und Westen sind demgegenüber durch einen allmählichen Übergang in die benachbarten Landschaftsräume gekennzeichnet. Zudem ist festzuhalten, daß ca. 80% der Probanden aus östlich und südlich des Untersuchungsgebiets gelegenen Räumen anreisten.
Die Auswertung der Mental Maps mit Hilfe des GIS eröffnete neue Möglichkeiten der Inter pretation, da auch qualitative Befragungsdaten der jeweiligen Zeichner miteinbezogen werden konnten. Die einmal digitalisierten Zeichnungen können zudem in beliebigen Fragestellugen neu gruppiert und dargestellt werden, was die einfache Überprüfung von Hypothesen ermöglicht.